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Neurologie & Psychiatrie

Psychosen: Diagnose

Organische psychische Störungen
(Synonyma: Körperlich begründbare, organische, symptomatische, exogene Psychosen, hirnorganisches Psychosyndrom)

Hinweis:
In der Systematik der ICD 10 ("International Classification of Diseases" der WHO) werden im Kapitel F0 die organischen (einschließlich der symptomatischen) psychischen Störungen, im Kapitel F1 dagegen die durch psychotrope Substanzen (also z. B. auch Alkohol) verursachten Störungen zusammengefasst.

Definition

Psychische Störungen, denen eine (meist) nachweisbare körperliche Erkrankung zugrunde liegt, die das Gehirn direkt (morphologisch fassbar) oder indirekt (in der Regel funktionell, neurochemisch, neurophysiologisch auf dem Umweg über Kreislauf oder Stoffwechsel) in Mitleidenschaft zieht.

Ätiologie

Organische psychische Störungen sind ätiologisch unspezifisch. Ein Rückschluss vom psychopathologischen Bild auf die Art der Schädigung ist nicht möglich. Das Gehirn reagiert auf die verschiedenen Krankheitsursachen mit einer begrenzten Anzahl von Syndromen.

Ursachen
  • Schädel-Hirn-Traumen
  • Hirneigene Erkrankungen (z. B. degenerative Erkrankungen, Entzündungen, Geschwülste, Gefäßerkrankungen)
  • Intoxikationen (Medikamente, Alkohol, Drogen, gewerbliche Vergiftungen mit Blei, anderen Schwermetallen, Kohlenmonoxid)
  • Infektiöse Allgemeinerkrankungen (z. B. Pneumonie, Sepsis)
  • Innere Erkrankungen: Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Anämie (zerebrale Hypoxie), Leberkrankheiten, Niereninsuffizienz, Avitaminosen, endokrine Störungen (z. B. Diabetes mellitus, Über- oder Unterfunktion von Schilddrüse, Nebenschilddrüse, Addisonsche Erkrankung, chronische Hypophyseninsuffizienz)
Diagnostik

Die Diagnose einer organischen psychischen Störung ist an folgende Kriterien gebunden:

  • (meist) Nachweis eines belangvollen Körperbefundes
  • Im Verlauf weitgehende zeitliche Parallelität von körperlicher Erkrankung und Psychose
  • Vorhandensein bestimmter typischer Symptome (v. a. kognitive Störungen, Bewusstseinsstörungen und Störungen der Gefühlswelt und Wahrnehmung)
Prognose
  • In der Regel mit der Grundkrankheit rückbildungsfähig
  • Abhängig vom Schweregrad ist der Übergang in eine chronische organische Psychose möglich
  • Das Querschnittsbild erlaubt keine sichere Prognose

 

Einteilung der Störungen nach Verlaufskriterien in

 

Akute organische Psychosen
(Synonyma: Delir, akuter exogener Reaktionstyp, akute symptomatische Psychose)

Definition

Akuter Beginn, fluktuierender (vorübergehender, reversibler) Verlauf von Bewusstseinsstörung, Störung der kognitiven Fähigkeiten, der Psychomotorik und Affektivität.

 

Symptome

Das typische Symptom der akuten symptomatischen Psychosen sind Bewusstseinsstörungen.

Quantitative Bewusstseinsstörung (Bewusstseinstrübung)

quantitative Herabsetzung der Wachheit in den Schweregraden

  • leichte Verhangenheit
  • Somnolenz (Schläfrigkeit)
  • Sopor (weckbar durch heftiges Ansprechen, auf Schmerzreize gezielte Abwehrbewegungen)
  • Koma (tiefe Bewusstlosigkeit, auf Schmerzreize unkontrollierte Abwehrbewegungen oder keine Reaktion)
QualitativeBewusstseinsstörung (Bewusstseinsveränderung)

 Desintegration der psychischen Abläufe bei

  • Dämmerzustand
  • traumhaftes Erleben
  • Einengung im Affekt

  

Weitere Symptome:

  

  • Desorientiertheit
  • kognitive Störungen
  • Wahrnehmungsstörung (z. B. Halluzinationen)
  • psychomotorische Störungen (z. B. agitiert)
  • affektive Störungen (z. B. Angst
  • vegetative Störungen (z. B. Schweiß)

Spezielle Syndrome:

Verwirrtheitszustände
(Synonym: amentielles Syndrom)

 

Ursachen

 

Am häufigsten sind

  • zerebrale Durchblutungsstörungen
  • Schädel-Hirn-Traumen
  • Medikamentenunverträglichkeiten

 

Symptome

 

  • Mehr oder weniger ausgeprägte Bewusstseinstrübung
  • Desorientiertheit bezüglich Zeit, Ort, Situation, eigener Person (es müssen nicht alle genannten Qualitäten betroffen sein)
  • Der Gedankenablauf ist inkohärent mit der Neigung zum Haften an einzelnen Gedanken
  • Verkennung der Umwelt (mit Ratlosigkeit, Angst, Aggressivität)
  • Amnesie für den Zeitraum der Verwirrtheit
  • keine Halluzinationen oder Wahn
Delir

Ursachen

Alkoholabhängigkeit
hochfieberhafte Erkrankungen
Intoxikationen
zerebrale Gefäßprozesse
u. a.

Symptome

  • Deutlich ausgeprägte Bewusstseinsstörung
  • Desorientiertheit bezüglich Zeit, Ort, Situation, u. U. auch Person
  • Optische (besonders kleine, bewegte Objekte: Tiere, Fäden), eventuell auch akustische Halluzinationen mit bedrohlichem Charakter
  • Illusionäre Verkennung der Umgebung
  • Psychomotorische Unruhe (u. a. nestelnde Bewegungen der Finger)
  • Grobschlägiger Tremor
  • Vegetativ-vasomotorische Symptome (profuses Schwitzen u. a.)
Dämmerzustand

Ursachen

 

  • Epilepsie
  • pathologische Rauschzustände u. a.

 

Symptome

 

  • Bewusstseinstrübung kann vorhanden sein oder beim "geordneten Dämmerzustand" fehlen
  • Die Patienten können verwirrt oder äußerlich geordnet sein
  • Das Bewusstseinsfeld ist eingeengt auf einen besonderen inneren Erlebnisbereich
  • Zeitlich relativ scharf abgesetzt, Dauer Minuten bis Tage, oft Übergang in einen Terminalschlaf
  • Folge Amnesie; evtl. mit einzelnen Erinnerungsinseln
Korsakow-Syndrom
(Synonym: akutes amnestisches Syndrom)

Ursachen

 

  • Durch Alkohol oder psychotrope Substanzen bedingt
  • andere Ursachen (z. B. Läsion des hypothalamisch-dienzephalen Systems oder des Hippocampus)

 

Symptome

 

  • Bewusstseinsklarheit
  • Desorientiertheit zu Zeit und Ort
  • Störung des Kurz- und Langzeitgedächtnisses
  • Die Gedächtnislücken werden mit Konfabulationen (erfundene oder in keinem Zusammenhang mit der Situation stehende Berichte) ausgefüllt


Verlauf 

 

kann abklingen oder persistieren.

 

Durchgangssyndrom</p>

Definition


Reversible organische Psychosen ohne Bewusstseinstrübung.

Symptome

 

Es bestehen qualitative Bewusstseinsveränderungen im Sinne affektiver (depressiver oder maniformer), amnestischer, paranoider oder halluzinatorischer Syndrome.

Chronische organische Psychosen
(Synonyma: Demenz, chronische symptomatische Psychosen, chronische organische Psychosyndrome)

Ätiologie

Bei allen Krankheiten und Schädigungen, die das Gehirn unmittelbar oder mittelbar betreffen (siehe akute organische Psychosen). Kann Folge einmaliger (z. B. Trauma) oder chronischer Schädigung (z. B. toxisch) oder eines Abbauprozesses (z. B. Morbus Alzheimer) sein.

Symptome

Die typischen Symptome der chronischen organischen Psychosen sind die Verluste der kognitiven Fähigkeiten (Gedächtnis, Orientierung, Urteilsfähigkeit etc.) und organische Persönlichkeitsveränderung.

Es besteht keine Bewusstseinstrübung. Nach Psychopathologie und Schweregrad werden unterschieden:

  • das chronische pseudoneurasthenische Syndrom
  • die organische Persönlichkeitsveränderung
  • die Demenz
Diagnostik

Genaue (auch Fremd-) Anamnese (Veränderung des Leistungsniveaus, des Verhaltens, der Persönlichkeit etc.)

  • Internistische und neurologische Untersuchung
  • Laboruntersuchungen: Urinstatus, Blutbild, Elektrolyte, Harnstoff, Kreatinin, Leberfunktionsparameter, Eiweißelektrophorese, Cholesterin, Triglyzeride, Treponema-Pallidum-Hämagglutinationstest, Schilddrüsenhormone, Vitamin B12, Folsäure; Liquor u. a.
  • Apparative Untersuchungen: EKG, EEG, Röntgen-Thorax, CCT oder MRT, Doppler-Sonographie, evtl. SPECT und PET u. a.

Spezielle Syndrome:

Chronisches pseudoneurasthenisches Syndrom
(Hirnleistungsschwäche)

Vorkommen

 

  • Besonders bei zerebralen Gefäßerkrankungen
  • nach Schädel-Hirn-Traumen und Hirnentzündungen

  • als erstes Stadium eines dementiven Prozesses

 

Symptome

 

  • Gesteigerte emotionale Labilität und Erregbarkeit

  • Konzentrationsstörungen

  • Merkfähigkeitsschwäche

  • Abnorme Erschöpfbarkeit

  • Vegetativ-vasomotorische Störungen

 

Vorgeschichte, Verlauf und somatische Befunde erlauben die Abgrenzung gegenüber neurotisch/psychopathisch bedingten asthenischen Versagenszuständen und asthenischen Residualsyndromen infolge einer endogenen Psychose.

Organische Persönlichkeitsveränderung

Symptome

  • Verlangsamung aller seelischen Abläufe
  • Umstellungserschwerung, Perseverationen (Haftenbleiben an Vorstellungen)
  • Affektlabilität und -inkontinenz
  • Grundstimmung euphorisch, gereizt oder depressiv
  • Zuspitzung oder Nivellierung vorbestehender Persönlichkeitszüge
  • Merkfähigkeitsstörungen
  • Bei der echten Wesensänderung treten persönlichkeitsfremde Verhaltensweisen auf mit Verlust von Takt und moralischen Wertungen
Demenz

Häufigkeit

 

Die Prävalenz schwerer Demenzen in der über 65 Jahre alten Bevölkerung liegt zwischen 5 und 8 %, wobei die relative Häufigkeit mit zunehmendem Alter wächst.
Die jährliche Rate an Neuerkrankungen beträgt im Mittel über 1 %.

Lebenserwartung

 

Bei 65-80-jährigen vom Zeitpunkt der klinischen Diagnosestellung an auf 4 Jahre verkürzt.

Symptome

 

Erworbene Persönlichkeitsveränderungen mit Beeinträchtigung

  • des Kurz- und Langzeitgedächtnisses
  • des abstrakten Denkens und Urteilsvermögens
  • höherer kortikaler Leistungen (Aphasie, Apraxie u. a.)

 

Die Störungen müssen Arbeit und soziale Aktivität des Patienten in einem bedeutsamen Ausmaß beeinträchtigen.

 

Differenzialdiagnose der irreversiblen Demenz

 

Reversible Demenzzustände (in 10 bis 30 % aller Demenzfälle) bei

  • Intrakraniellen Erkrankungen (besonders Subduralhämatom, Hydrocephalus obstructivus)
  • Systemerkrankungen (Anoxie, chronische Niereninsuffizienz, endokrine Störungen, Kollagenosen)
  • Intoxikationen, Störungen des Wasser- und Elektrolythaushalts
  • "Depressive Pseudodemenz", vorgetäuscht durch ein gehemmt-depressives Zustandsbild
Spezielle Krankheitsbilder der Demenz:

Demenz vom Alzheimer-Typ (DAT)

 

Definition


Unabhängig vom Lebensalter auftretender, progredienter diffuser hirnatrophischer Prozess (Rinde, limbisches System, Hirnstamm) mit charakteristischen histologischen Veränderungen.
Häufigste Form der Alters-Demenz (60 bis 70 % der Fälle).

Pathogenese

 

  • Hereditäre Belastung bei ca. 10 % der Fälle
  • Störung des (cholinergen) Transmittersystems mit der Folge eines "cholinergen Defizits"

 

Symptome

 

  • Intellektueller Abbau und Gedächtnis-(Merkfähigkeits-)Störungen
  • Zunehmende Desorientiertheit
  • Innere Unruhe, Weglauftendenzen
  • Störung des Schlaf-Wach-Rhythmus
  • Stimmung ängstlich oder misstrauisch, in späteren Stadien oft euphorisch
  • Steif-unsicheres Gangbild
  • Werkzeugstörungen (Aphasie, Apraxie, Agnosie)
  • Hirnorganische Anfälle
  • Inkontinenz


Prognose

 

Tod der kachektischen Patienten nach durchschnittlich 4 bis 8 Jahren (abhängig vom Lebensalter), meist durch interkurrente Erkrankungen.

Multi-Infarkt-Demenz (MID)

Pathogenese

 

Arteriosklerotisch bedingte Mikrozirkulationsstörungen führen zu multiplen Erweichungsherden im Gehirn.
Häufigkeit: 20 bis 30 % aller Altersdemenzen.

Symptome

 

  • Beginn mit Kopfschmerzen, Schwindel, Ohrensausen, Schlafumkehr
  • Entwicklung über pseudoneurasthenisches Syndrom zur Persönlichkeitsveränderung und (nicht obligat) zur Demenz
  • Episodische Verwirrtheitszustände/Delirien, besonders nachts
  • Überlagerung von Durchgangssyndromen (z. B. paranoid-halluzinatorische oder depressive Symptomatik)
  • Zunehmende Desorientiertheit
  • Transiente ischämische Attacken, später persistierende zerebrale Herdsymptome (Schlaganfall)

 

Differenzialdiagnose von DAT und MID
  • Bei DAT kontinuierlich-progredienter Verlauf ohne ischämische Attacken in der Vorgeschichte
  • MID beginnt schlagartig, ist im Verlauf durch akute De- und Rekompensationen sowie neurologische Herdsymptome charakterisiert; Verhaltensfassade bleibt länger erhalten
  • Im Schädel-CT bei DAT globale, gleichmäßig ausgeprägte Atrophie, bei MID multiple Infarkte
  • In ca. 15 % der Alters-Demenzen Mischbilder aus DAT und MID
Andere irreversible Demenzformen</p>

Picksche Krankheit

Umschriebene Atrophie besonders des Stirn- und Schläfenhirns. Manifestation um das 50. Lebensjahr. Führt innerhalb von 3 bis 12 Jahren zum Tod. Dominanter Erbgang mit beschränkter Penetranz

Chorea Huntington

Dominant vererbte progrediente Hirnatrophie mit psychoorganischer (paranoid-halluzinatorischer Persönlichkeitsveränderung, Demenz) und extrapyramidal-motorischer Symptomatik. Manifestation in jedem Lebensalter, meist zwischen dem 25. und 45. Lebensjahr. Verlauf im Mittel 13-16 Jahre, in 20 % länger als 20 Jahre

AIDS-Demenz

Das Virus befällt das ZNS, führt zu chronischen hirnorganischen Psychosyndromen

Creutzfeldt-Jakob-Krankheit

Eine Slow-virus-Infektion, durch Prionen übertragen (siehe Creutzfeldt-Jacob-Krankheit)

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Letztes Update:2 März, 2009 - 14:22